Es wird Zeit, mal was anderes über Google Chrome zu schreiben als das, was 98% der deutschen Blogosphäre und News-Welt tut, angeheizt von einer Bundesbehörde, die vor Jahren auch JavaScript erst einmal als böse Gefahr anprangerte, als sie von dessen Existenz erfuhr. Während international eher Neugier und Experimentierlust vorherrschen, scheint sich in Deutschland eine Art Kollektiv-Paranoia über das Land zu verbreiten, die bei mir ganz ungute Lämpchen im Kopf blinken lässt. Das liegt daran, dass ich die Gefahr nazistischer Denkweise manchmal wo ganz anders rieche als da, wo sie alle riechen. Nämlich nicht bei den vermeintlich mächtigen Datensammlern, sondern bei dem dumpfen Wir-Gefühl der Erfolgsgegner. Anders ausgedrückt: ich freue mich über jeden Besucher, der hier mit dem Chrome-Browser vorbei kommt. Denn weil das an Google übermittelt wird, profitiere ich als Website-Anbieter davon. Meine Website wird bessere Platzierungen bei Google erreichen, und beim nächsten Page-Rank-Update wird sie vielleicht weiter nach oben klettern. Während sich also in Deutschland derzeit alles nur darum dreht, das Surfen im Web zu einem Privatissimum hochzustilisieren, ist das transparente Surfen aus Sicht des Web-Ganzen ein großer Fortschritt. Es das konsequente Weiterdenken von Ansätzen, die sich mit Konzepten wie Social Bookmarks bereits als erfolgreich erwiesen haben. Bei Google Chrome könnte man also analog dazu von Social Surfing sprechen.
Und wie sieht es aus Sicht der geplagten Webdesigner aus? Müssen die nun die Hände überm Kopf zusammenschlagen, weil noch ein eigenwilliger Browser ihnen das Leben schwer macht? Die Antwort ist ein »Nein« mit Einschränkungen. Denn beim Webdesign muss man genaugenommen nicht so sehr die Macken maßgeblicher Browsern kennen, sondern eher die Macken maßgeblicher Layout-/Rendering-Engines. Das sind diejenigen Software-Module im Browser, die aus HTML-, CSS- und JavaScript-Code diie Darstellung im Browserfenster erzeugen. Da wäre einmal Trident, der Motor des MS Internet Explorers. 1997 für die Produktversion 4.0 entwickelt, hat Trident im Laufe der Jahre zahlreiche Ummodellierungen erfahren und bleibt bis hinauf zum Internet Explorer 8 die treibende Kraft für die Darstellung von Webseiten. Die nächste zu berücksichtigende Layout-Engine ist die Gecko-Engine, die seit Beginn im Firefox-Browser ihren Dienst tut, sowie im Original-Mozilla-Browser, in Netscape-Browsern ab Version 6.x, Flock und anderen. Die dritte bekannte Engine heißt Webkit. Aus der Linux-Engine KHTML hervorgegangen und von Apple für den hauseigenen Safari-Browser weiterentwickelt, verrichtet diese Engine auch in Google Chrome ihren Dienst. Bleibt noch die Engine Presto, die vom Opera-Browser eingesetzt wird. Was Google Chrome in dieser Hinsicht bewirkt, ist also, dass die Webkit-Engine nun endgültig nicht mehr vernachlässigbar ist, wenn es um das Austesten von Webseiten geht. Da Webkit allerdings ähnlich wie Gecko um möglichst genaue Einhaltung der W3C-Vorgaben zu HTML, CSS und DOM bemüht ist, treten zwischen diesen beiden Engines normalerweise keine wirklich dramatischen Unterschiede beim Rendern von Webseiten auf, solange man sich mit einem bewährten Mix aus HTML 4.01, CSS 1.0 und 2.1 und DOM 1.0 und DOM 2.0 begnügt. Wichtig ist allerdings, dass das HTML standardkonform und fehlerfrei ist. In dieser Hinsicht ist Webkit der Erfahrung nach etwas pingeliger als Gecko. Auf webkit.org können sich Entwickler im Zweifelsfall über Details der Webkit-Engine schlau machen, z.B. über die unterstützten Standard-Features und über Extras wie die genuine Unterstützung von SVG-Grafiken (mit Google Chrome kann man sich deshalb auch auf SVG-Beispiele stürzen).
Neuland ist indessen die völlig neu entwickelte V8-JavaScript-Engine des Google-Browsers. Über deren Internas muss ein Webdesigner allerdings zunächst einmal auch nicht so viel wissen. Es handelt sich um eine Implementierung des ECMA-262-Standards (3. Edition). Die Engine übernimmt alles, was mit JavaScript-Core-Objekten und mit der internen Verwaltung von Variablen, Objekten usw. zu tun hat. Was mit DOM zu tun hat, also Element-Manipulation, Event-Handling usw., wird wiederum von Webkit bereitgestellt. Ein separates Austesten javascript-lastiger Webseiten mit Google Chrome ist jedoch dringend zu empfehlen.
Für eine Einschätzung, wie bedeutend der Einfluss von Google Chrome in Zukunft tatsächlich sein wird, ist es meiner Ansicht nach noch zu früh. Zum Redaktionszeitpunkt dieser News werden für den Neuling auf Clicky Webanalytics 2,0% Prozent Marktanteile verzeichnet, eine Zahl, die sich auf die Auswertung von über 45.000 Websites stützt. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass viele Nutzer den Browser zunächst einmal nur mal aus Neugierde ausprobieren, so zeichnet sich doch ab, dass er in Zukunft keine Marginalrolle spielen wird. Dafür wird allein schon die Verlinkung auf der Google-Startseite sorgen, um die so gut wie kein Webanwender herum kommt. Und jetzt werde ich mit dieser bösen Software einfach noch ein paar befreundete Sites absurfen, um auch deren Anbietern eine Freude zu machen …
